Claudia Berg

 

 

1976                   in Halle/Saale geboren
1995-2002        Studium an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein, Halle (Saale), im Fachbereich Grafik/Malerei bei Prof. Frank Ruddigkeit u. Prof. Thomas Rug
1996/1997 Studium an der Universitat Politecnica de Valencia, Falcultat de Bellas Artes de Sant Carles, Valencia, Spanien
seit 1997 jährliche Studienreisen nach Italien
1999/2001 Assistent im Grundlagenstudium, Bereich Aktzeichnen, bei Prof. Rainer Schade
2001 zweimonatiger Studienaufenthalt in Amsterdam, Niederlande
2002 Diplom im Fachbereich Grafik/Malerei an der HKD Burg Giebichenstein Halle, bei Prof. Thomas Rug und Prof. Helmut Brade             
2002-2005 Aufbaustudium ebendaMitglied im BBK
seit 2013 Lehrauftrag an der Hochschule Darmstadt
  lebt und arbeitet in Halle/Saale

 

  Ausstellungen (Auswahl)
   
2015Radierungen und Skulpturen (mit Claudia Berg), Galerie Friendly Society, Berlin
2014             Galerie und Buchhandlung Böttger, Bonn
Galerie Könitz, Leipzig
Universitätsklinik Halle
Galerie Wildeshausen
2013Galerie Profil, Weimar
Galerie Nord, Halle
Heinrich Heine Haus Düsseldorf
2012Kunsthandlung Huber und Treff, Jena
Galerie Ruhnke, Potsdam
Mansfeld Museum, Hettstedt
Galerie im Bürgerhaus Zella-Mehlis
Frederikshavn Kunstmuseum u. Exlibrissamling
2011Galerie Stelzer und Zaglmaier, Halle
Galerie Splitter Art, Wien, Österreich
2010Galerie Gans, Wien
Kunsthandlung Huber und Treff, Jena
Heinrich Heine Haus Düsseldorf
2009Galerie Ruhnke, Potsdam
Galerie Gans, Wien, Österreich
Domgalerie, Halle
Galerie Carstensen, Hamburg
Galerie id+Art Hamme, Belgien
2008Galerie Carstensen, Hamburg
Galerie Gans, Wien, Österreich
Galerie Himmelreich, Magdeburg
Schloß Bergedorf, Hamburg
2007Galerie id+Art, Hamme, Belgien
Galerie Kränzl, Göppingen/Horn
Galerie Ruhnke, Potsdam
Atelier Galerie Goldberg, Berlin
Galerie de Groene, Poort Middenbeemster, Niederlande
2006Kleisthaus, Berlin
Kunsthandlung Huber und Treff, Jena
Galerie Kränzl, Göppingen/Horn
Galerie am Domplatz, Halle
2005Galerie Kränzl Göppingen/Horn
Galerie de Groene, Poort Middenbeemster, Niederlande
Hans-Ralfs-Haus, Neustadt i. H.
2004Galerie id+Art, Hamme, Belgien
Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
Zeitkunstgalerie Halle
2003Galerie Marktschlösschen, Halle
Galerie id+Art, Hamme, Belgien
Galerie Volkspark, Halle
Kleisthaus, Bundesministerium für Gesundheit und Soziales, Berlin
2002Galerie de Kunstwinkel, Maarssen, Niederlande
Galerie id+Art, Hamme, Belgien
Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
2001Galerie de Kunstwinkel, Maarssen, Niederlande
Zeitkunstgalerie, Halle
Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
1999Galerie de Verassing, Utrecht, Niederlande
Galerie Talstraße, Halle
Studio P, Amsterdam, Niederlande
IHK Magdeburg
1998Galerie Arcus e.V., Leipzig
Zeitkunstgalerie, Halle
1997Cafe Negrito, Valencia, Spanien
Galerie Talstraße, Halle
1996Rathaus Halle-Neustadt

 

  Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)
   
2013Romantikerhaus Jena
2012 Kunstverein Glückstadt
Galerie Gans, Wien, Österreich
Potsdam Museum
2011 Landtag des Landes Sachsen-Anhalt
Galerie VORORTOST, Leipzig
Galerie De Groene, Poort Middenbeemster, Niederlande
Kunstverein Jena
Klindspormuseum Offenbach
2010          Kunstforum der Sparkasse Halle
Galerie Ruhnke, Potsdam
2009 Galerie Horschik Dresden
2008 Orangerie Schloß Georgium Dessau
2007 Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
Galerie Gans, WienBenoot Gallery Ostende, Belgien
2006 Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
Buchkunsttrienale im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg
2005 Art Karlsruhe (Galerie Kränzl)
Galerie id+Art, Hamme, Belgien
Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
Große Sächsische Kunstausstellung Leipzig
2004Galerie Art o Nivo, Brügge, Belgien
Kunstschau Sachsen-Anhalt, Magdeburg
2003Galerie Z, Nijmegen, Niederlande
Cranachhaus WittenbergKunstverein Wessling
2002Salon du livre jeunesse, Paris, Frankreich
2000TÜV Sachsen Leipzig
Industriepark Zeitz
Sparkasse Ludwigsburg
Hallescher Kunstverein
seit 1998ständige Beteiligung an der Buchmesse in Frankfurt am Main
1994Stadtmuseum Halle

 

  Projekte, Preise und Stipendien
   
2014                 1.Platz Buchkünstlerischer Wettbewerb des Lessing-Museums Kamenz
2012 Stipendiat der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt
2011 Imke Folkerts Kunstpreis Ostfriesland
2010                   Wilhelm von Kügelgen Kunststipendium Bernburg
3.Preis, Kunstwettbewerb des Landtags Sachsen-Anhalts
2009                Otto-Ditscher-Preis für Buchillustration, Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz
Stipendiat der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt für Vietnam
2008 Arbeitsstipendium des Landes Sachsen-Anhalt für das Projekt „Mansfelder Land“
2007 Förderpreis der Hans-Meid-Stiftung für Buchillustration
2005 Arbeitsstipendium des Landes Sachsen-Anhalt für das Projekt Künstlerbuch „Halle“
2004 Arbeitsstipendium des Landes Sachsen-Anhalt für einen Aufenthalt im Künstlerhaus Schloß WiepersdorfArbeitsstipendium der Cranachwerkstatt in Wittenberg
2003 Lucas-Cranach Preis 2003, 2. Preis, Otto-Ditscher-Förderpreis für Buchillustration
2002 Stipendium der Wilhelm und Lotte Neufeld Stiftung (Offenbach), Graduiertenstipendium des Landes Sachsen-Anhalt für ein Aufbaustudium an der HKD Burg Giebichenstein in Halle
2001 1.Preis des Mitteldeutschen Kunst- und Designpreises in der Kategorie Studierende
1999 Jahresstipendiat des DAAD für die VR China
Sonderpreisträger, Grafikwettbewerb des Halleschen Kunstvereins
1996 Erasmusstipendiat für Spanien International Site-specific projects Tracks Crossfire Perific Arts Amsterdam
1994 1.Preis im Architekturwettbewerb zur Gestaltung der Leipzigerstraße in Halle

                     

  Sammlungen und Arbeiten in öffentlichem Besitz
   
                  Museum Albertina Wien (Bibliothek)
Casa di Goethe Rom
Bibliotheque nationale de France Paris
Rijksmuseum Amsterdam(Bibliothek)
Tate Library London(Bibliothek)
British Library London
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Klingspor-Museum Offenbach am Main
Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
Deutsche Bibliothek Frankfurt am Main
Deutsche Bibliothek Leipzig
Herzog-August Bibliothek Wolfenbüttel
Anhaltische Landesbücherei Dessau
Niedersächsische Landesbibliothek Hannover
Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek Berlin
Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz
Bayrische Staatsbibliothek München
Stiftung Historische Museen Hamburg
Potsdam-Museum Potsdam
Sächsische Landesunibibliothek Dresden
Kleist Archiv Sembdner Heilbronn
Hessische Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt
Hölderlin-Archiv Württenbergische Landesbibliothek Stuttgart
Lessing-Museum Kamenz
Lindenau-Museum Altenburg
Stadtarchiv Halle
Universitätsbibliothek Halle
Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Dommuseum Hildesheim
Landesbibliothek Bregenz
Zentralbibliothek Zürich
Kunstsammlung des Landes Sachsen-Anhalt
Kunstsammlung der GSA Sachsen-Anhalt
Kunstsammlung der Mitteldeutschen Energieversorgung MEAG
Kunstsammlung des TÜV Sachsen
Kunstsammlung des Landtags des Landes Sachsen-Anhalt

 

 

Was wir heute hier von Claudia Berg sehen, sind Zeichnungen, die zumeist vor Ort entstanden sind, und Kaltnadelradierungen. Auch da hat sie gelegentlich die Kupferplatten mit in die Natur genommen. Sie liebt das ganz neue weiße Papier nicht, um zu beginnen, und auch nicht die polierte lupenreine Kupferplatte. Etwas kann ruhig schon da sein, etwas Geschriebenes auf schon vergilbtem alten Papier. Auch Stempel stören sie nicht oder die Reste roten Siegellacks. Und wenn die Kupferplatten schon auf einem Dach ein paar Jahre lang Kontakt mit Regen, Eis und Sonne hatten, ist sie ganz zufrieden. Da könnte man denken, sie wurde nun ganz unbefangen loszeichnen. Keineswegs, da gibt es eine andere Angst. Ein schon beschriebenes Blatt ist ja selbst ein unwiederbringlicher Wert, ein Stück Leben und Geschichte, den zu zerstören ein Ungluck wäre. Dieses Spannungsfeld ist nicht nur ein formaler Experimentierrahmen, es ist auch die inhaltlich motivierte Möglichkeit, Zeit zu uberlisten und Vergangenheit einzubeziehen mit gewissermaßen authentischen Mitteln.

Ihre Zeichnungen mitteldeutscher Landschaften von Schlössern und Gärten sind Erinnerungen an eine vergangene Zeit, die es vor ihr gab. Sie spiegeln ihre Liebe zur Heimat und sind auch Schlussel zu Gefühls-welten, die sie die deutsche klassische und romantische Lyrik haben verstehen lassen. So entstanden Zeichnungen, die nicht Illustrationen sein wollen sondern Entsprechungen aus einer heutigen Sicht. Das gilt nicht nur fur sie selbst, sondern das öffnet auch uns Auge und Geist für die Wahrnehmung von Vergangenem, das uns Freude und Kraft geben kann für das Heutige. Unsere Umgebung ist voller Schönheiten, die einfach da sind und sie sind es umso mehr, wenn wir sie bemerken. Sie führt uns in die Welt der Anhaltischen Schlösser nach Dessau, Zerbst, Bernburg, Köthen und weiter nach Dornburg und Burgscheidungen, zum Sieglitzer Berg bei Vockerode, an den Drehberg bei Wörlitz, nach Mosigkau und Oranienbaum, zum Luisium und zum ihr wohlbekannten Wörlitz; an viele Orte, wo Räume, Bauten, Figuren und Bäume Geschichten erzählen, die man nicht unbedingt deuten muss, die aber zu Empfindungen führen, wie sie Heine, Goethe, Hölderlin, Mörike, Eichendorff und andere Vorfahren hatten. Diese Orte müssen nicht vergessen sein, weil sie ja noch da sind, mal unberührt, mal fragmentarisiert, mal verwandelt.

Claudia Berg wird eine Reihe von kleinen bibliophilen Büchern machen, die Radierungen und Gedichte in einen losen Zusammenhang stellen. Die 7 Radierungen zu Heine sind ein Anfang.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riss von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begannen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Etwas anders zu verstehen sind die neun Kaltnadelradierungen zu einer Parabel von Kafka. Da geht es geheimnisvoller zu. Ob es nun Einfühlung ist oder persönliche Betroffenheit, hier zwingt die literarische Vorlage zu einer bildhaften Vision.

Groteskerweise ist diese Radierfolge das Ergebnis eines konkreten Auftrags. Dem Besteller ging es eigentlich um Drucktechnik und die Möglichkeit, exzellente Wiedergabe zu dokumentieren. Claudia Berg hat in unnachahm-licher Eigensinnigkeit die Aufgabe zu ihrer eigenen gemacht. Wir hier in den bevorzugten Ländern der Welt, wo soziale Systeme die schlimmsten menschlichen Katastrophen verhindern, müssen doch aufpassen, dass wir in der gewonnenen scheinbar unantastbaren Sicherheit nicht die Wurzeln und das Wesen des Lebens ganz vergessen. Wo vielerorts Arbeit zur Beschäftigung wird und Freizeit zum Zeitvertreib, ist das zwar ein Forschritt gegen Schinderei, Hungersnot und Verzweiflung. Aber die gewonnene Freiheit kann auch zu einem Leben führen, das schön ist, auf alle Fälle bequem, aber auch öde. Als ich jedenfalls den Korb mit den dreckigen Zuckerrüben sah, die sich Claudia Berg beschafft hatte, um ein Stillleben vorzubereiten, war ich auf der Stelle begeistert, obwohl es ja das Kunstwerk noch gar nicht gab. Ich erinnerte mich, wie ich als kleiner Junge die schweren Handwagen mit solchen weißen Rüben ziehen musste, dann mit der Bürsten die Rüben putzen, zerschnitzeln und in der Waschküche den schwarzen Brei rühren, der der lebenserhaltende Sirup wurde, der nunwirklich „lecker“ war und die Freude des Winters. Für die größte Not wurden dann die ausgelaugten Rübenschnitzel noch eingekocht. Inzwischen gibt es zwei Blätter mit Zuckerrüben. Diese Rüben hatten ein seltsames Schicksal, sie wurden nicht Zucker sondern Kunstwerke. Ihre natürliche Trivialität ist verschwunden. Wie im Pompeji die Weintrauben das Lebensgefühl römischer Antike übertragen, sind es für uns diese dreckigen Rüben. Diese Verwandlung ist beeindruckend. Diese großen Stilleben sind für mich keineswegs ästhetische Werke, sondern Anlässe zur Reflektion und Dankbarkeit. Ihnen wohnt etwas inne, was mehr ist als äußere Form. Mir gefällt es ungemein, wenn eine künstlerische Arbeit mich zurückführt auf die Wesenheit meiner eigenen Existenz und auf den Zustand der Welt, der verdeckt durch allerlei Lichter und Geräusche sich kaum noch zu erkennen gibt. Eine Steckdose: was ist das? Eine Tüte Zucker: eine ganz normale Sache? Ich denke dabei an die sechs Kakifrüchte von Mu-tschi im Daitokuji-Tempel in Kyoto. Sie sind die ewig gültige Formel höchst künstlerischer Erdung mit der Seinswirklichkeit unserer Existenz. Diesen Ton wiederzufinden in ganz anderer Art und Weise ist für mich eine große Freude. Wir können nichts Neues machen ohne das Alte. Und genau das müssen wir wissen und üben. In diesem Sinne sind die großen Stilleben Beispiele einer verdichteten über die sichtbare Wirklichkeit herausführenden künstlerischen Haltung. Es ist etwas platt, solche hochtrabenden Ausdrücke zu benutzen, aber es ist einfach so, es sind Kunstwerke mit meditativer Substanz. Ich möchte noch anmerken, dass Claudia Bergs Kaltnadelradierungen, und insbesondere die großen Blätter absolute Einzelstücke sind. Sie benutzt die Technik auf ihre Weise, zum Entsetzen der professionellen Drucker. Sie benutzt sie schon gar nicht als Vervielfältigungsmedium, sondern eher als den eigenbrödlerischen Weg einer eigenen Sprache. Nur sie selber kann diese Drucke machen, und es verwundert nicht, wenn sie manchmal weiterzeichnet, weil das technische Medium ihre Erwartungen nicht erfüllt. Es ist folgerichtig, dass sie von ihr selbst gedruckte Blätter besser findet, als die von meisterhaft arbeitenden Druckern. Mir erschien das anfangs ziemlich überspannt. Was sie stört, ist die perfekte Schärfe eines Druckes. Ihre eigenen Abzüge sind malerischer, die Bildstrukturlebt nicht von der linearen Zeichnung, sondern eher vom Fleck. Ein körperloser Nebel entspricht ihrem künstlerischen Wollen mehr als die ihr kalt erscheinende Klarheit. Es geht nicht einfach um den verzichtbaren Plattenton, das wäre zu technisch gedacht. Es ist wohl doch eher ein wenig Traurigkeit, oder altmodischer gesagt ein wenig Romantik: wahrhaft hallesche Ingredienzien einer subjektiven Bildsprache. Und die Überlagerungen mit vorgefundenen historische Schichten sind einem ähnlichen Empfinden geschuldet. Auf dem Papier für eine Zeichnung mit einem Schloss in Dornburg wird am 12. April 1872 eine Geldeinnahme beurkundet. Neue Zeichnung und alte Schrift überlagern sich. Es ist die gleiche Tinte. Die frühere Mitteilung wird durch die neue Zeichnung beschädigt und dadurch lückenhaft. Aber es bleiben Reste des ursprünglichen Inhalts. Und doch ist es verwunderlich, wenn der Erlös für den Nachlass des Gutsarmen Fr. Schult nur 6 Taler erbringt, die sich um 16 Pfennige erhöhen durch einen ergänzenden Eintrag von 4 Posten, die sich nicht mehr lesen lassen. Poststelle Schwerin, 2 Schillinge, 2 Stempel. Darüber gezeichnet ein barockes Schloss, kaum Zeichen von Armut, jetzt renoviert, Stuckdecken, Porzellan. Das Nachbarschloss gefiel Goethe, der hier mehrfach zu längere Zeit zu Gast war. Ihn inspirierte, was uns etwas später Claudia Berg vermittelt, nun in einer Zeit, wo eine handgeschriebene Geldeinnahme nicht mehr denkbar ist. Es gibt also allerlei zu entdecken. Es öffnen sich Räume für Empfindungen, Erinnerungen und Visionen. Die Blätter haben ein Eigenleben begonnen. Sie haben sich gelöst, sie sind erwachsen geworden und ihre Geschichten sind noch lange nicht zu Ende erzählt.

Galerie Stelzer und Zaglmeier, 8.11.2011

 

Claudia Berg und die Mansfelder Freiräume

In den Anfang bis Mitte 2008 entstandenen Silberstiftzeichnungen und den im Großen und Ganzen ein Jahr danach innerhalb weniger, extrem arbeitsintensiver Monate entstandenen Radierungen teilt sich dem Betrachter die Nüchternheit und relative Kargheit der Mansfelder Landschaft vollkommen mit. Trotzdem erscheint diese Werkgruppe aus Claudia Bergs neuerem Schaffen insgesamt ebenso romantisch gebrochen wie in Arbeiten früherer Jahre.

Die vibrierende Emotionalität der Striche, die den Aufbau der Kompositionen bestimmt, ist es nicht allein. Sie spielt aber eine wichtige Rolle. Von beharrlicher Dichte und größerer Homogenität in den Zeichnungen, verwandelt sich die Arbeit auf der Platte durch deren Widerstand oft in eine Art zärtlichen Gekritzels, das im Druck manchmal vorangehende und polierte Bearbeitungsstufen überlagert und im Kontrast mit diesem „Davor“ ungeahnte Tiefenwirkungen entstehen lässt. Es kann Tiefe auch dort entstehen, wo gar kein „Raum“ gemeint ist, wenn sich etwa wie in dem Blatt „Pappeln“ (p. 57) diskret über dargestellte Ebenen oder Landschaftsformationen hinwegziehende Gebilde zeigen. Trotz einer scheinbar greifbaren Gegenständlichkeit, einer beinahe impressionistischen Korrektheit der Perspektive, führen schatten- oder spiegelartige Verlängerungen der dünnen Baumstämme über den Mittelgrund in die unterste Bildebene hinein, in einen „Vordergrund“, der wie eine dunkle Umkehrung des hellen Himmelstreifens am oberen Bildrand wirkt.

Es entsteht so etwas wie eine Traumvision: Ein solider Vordergrund erscheint auch als Abstieg zu einem stillen Gewässer, während der Durchblick auf das hinter der Baumreihe liegende Terrain auch einen zweiten, von einer weiteren Baumreihe gesäumten Tümpel freigeben könnte. Erst dahinter würde sich dann Flachland ausdehnen.

Das Mögliche, Unsichere, Widersprechende im Faktischen, im Gewohnten, Realen erscheinen zu lassen wird bei Claudia Berg zu einer wesentlichen Botschaft, die sich auf glückliche Weise mit der vieldeutigen Thematik – Das Mansfeld als historische Verwobenheit aus dem Wirken natürlicher und menschlicher Kräfte, als Sinnbild der Geschundenheit von Natur, von Vergänglichkeit menschlichen Strebens, einer Ästhetik des Verschwindens, als Hort alter Werte, kindlicher Projektionen und Erinnerungen usw.- der von ihr untersuchten Landschaft verbindet. Claudia Berg kommt allerdings ohne den Einsatz von Stilisierung, Überzeichnung oder offenkundiger Phantasie aus, ohne die Stilmittel, die im letzten Jahrhundert in Kunstströmungen wie Kubismus, Futurismus, neuer Sachlichkeit, pittura metafisica oder Surrealismus eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Ganz im Gegenteil scheint die Künstlerin sich aller möglichen Seh- und Raumformen der bildenden Kunst zu bedienen: Von den alpinen „Weltlandschaften“ der Niederländer des 16. Jahrhunderts über die realistisch gerafften Perspektiven der Holländer des 17. zu Goyas dramatischen Unter- und Nahsichten bis zu den erdverliebten „Nahsichten“ der Schule von Barbizon oder den ergreifenden und hyperrealistischen Close - ups Giacomo Ballas bald nach 1900: Claudia Berg ist offenbar mit dem Lebensgefühl und den Sehweisen früherer Meister, die sie zu keinem geringen Teil durch das Nachzeichnen in den Bildergalerien Europas kennengelernt hat, zutiefst vetraut. Sehen zu können wie Rembrandt ist auch in einem Zeitalter des „Endes der Malerei“ kein schlechter Ausgangspunkt für eine(n) Künstler(in).

Wenn Claudia Berg bei einem Thema ist, dann unterzieht sie es nicht nur einer hartnäckigen motivischen Untersuchung wie im Falle des Mansfelder Landschaft, sondern gibt in einer Art von Zeitreise auch den Blick durch die Geschichte der Denkstile oder Weltsichten auf der Basis maßgeblicher künstlerischer Perspektiven frei. Die zu eigen gemachten Sehweisen können also auch ihr Interesse am Motiv, die Wahl des Bildausschnitts und die Komposition bestimmen, zu „realer“ Gegenwart werden lassen. Sie arbeitet ja „hart am Motiv“. Nicht nur zeichnet sie vor Ort sondern bearbeitet auch die Kupferplatten mit der Nadel bei jedem Wetter, oft, ohne die erzielten Ergebnisse genau abschätzen zu können.

Da kommt es wohl auch vor, dass im Atelier bzw. nach ersten Andrucken weitergearbeitet werden muss. Hier finden dann Metamorphosen statt, die nicht unwesentlich zu dem beitragen, wovon weiter oben in Bezug auf die Entstehung einer romantischen, traumhaften Mehrdeutigkeit der realen Landschaft die Rede war.

Als Beispiel könnte man hier die Wiederholung der Ansicht aus der Silberstiftzeichnung mit der spitzen „Halde im Nebel“ (p.15) auf der Kupferplatte anführen: Da letztere nach dem ersten Andruck nicht im gewünschten Maß überzeugte –bei den stark raum- oder himmelhältigen Radierungen kam es eher selten zu den formatfüllenden Kompositionen der gezeichneten Haldenmassive-, wurde sie von der Künstlerin auf den Kopf gestellt und zur „Halde mit Espen“ (p.29) umgearbeitet. Die Spuren des umgekehrten Spitzhügels bewirken so etwas wie eine optische Täuschung: Sie verlängern die aufstehenden Zweige der Espen über den Hintergrund in den Himmel hinein, als würde sich vor dem nüchternen, dunklen Haldenhang ein kleiner Tornado emporwirbeln und dem Stillehalten der aufrechten Bäumchen heftig widersprechen. Damit wird auch der Blick frei auf die seltsam wogenden Zeichenstriche in „Espenwald I“ (p.13), die als Gräser des Vordergrundes, als einzelne Nebenzweige der Bäumchen im Mittelgrund und als Strukturen der dahinterliegenden, dunklen Steinhalde dennoch ineinander überzugehen scheinen. „Halde mit Espen“, in der Himmel und Erdboden miteinander Platz getauscht haben, ist nun als seitenverkehrtes Echo von Espenwald I wiedererstanden.

Durch die Austauschbarkeit von „Leere“ und „Fülle“ und durch die Transponierbarkeit künstlerischer Perspektiven, die auch als Perspektiven des menschlichen Bewußtseins verstanden werden können, sind Claudia Bergs Arbeiten nicht nur für die Künstlerin sondern auch für den Betrachter zu einer unerschöpflichen Quelle der Erzeugung von Wirklichkeit geworden. Die im Studium früher eingeübte Technik und die Sicherheit auf der Grundlage historischer Vorläufer sind bei Claudia Berg Nebensache, weil die Beherrschung dieser Mittel zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Es geht auch nicht um die Suche nach „Stil“. Der ergibt sich, ähnlich wie bei Cézanne, ausschließlich aus der Arbeit an der Übersetzung einer sehr direkt erfahrenen Wirklichkeit.

Die für Claudia Bergs Werk spezifische Wirkung ist eine Offenlegung von Denkstil als Resultat von Erlebnisstil und dessen Übertragbarkeit auf die Dinge, wie sie vorgefunden werden. Die Künstlerin ist in der Lage, mit der ewigen Verwechslung des subjektiven Sehens oder der vermeintlichen Objektivität mit der Sehnsucht, als „Autor“ einer Sehweise Deutungshoheit zu erlangen, ohne jeglichen Zynismus zu spielen. Sie eröffnet sich damit auch einen großen Reichtum an Möglichkeiten, mit den Betrachtern ihrer Kunst zu kommunizieren.

Im Zusammenhang mit den Radierungen, in denen der Horizont besonders tief liegt und die „Leere“ des Himmels auf den ersten Blick zu dominieren scheint, beschreibt die Künstlerin die Kunst des „Weglassens“, des Ungestalteten, als bestes Geschenk an den Betrachter: „Ein Spielraum muss bleiben, mit dem man selbst ergänzen kann“ (C. Berg 22. VIII 2009). 

Marietta Mautner Markhof

 

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